Paketdienste – Paketfahrer und die Landessprache

Ich bin selbständig, arbeite von zu Hause aus.  Meine Arbeitsräume (Dunkelkammer, Büro, Lager) haben einen eigenen Eingang. Diesen Eingang erkennt man nicht sofort als solchen. Besucher gehen regelmäßig erst zur normalen Haustür und klingeln dort. Ich höre dieses Klingeln nicht immer, da meine Technik manchmal nicht gerade leise ist, oder ich auch nur telephoniere. Seit längerem habe ich deshalb ein etwa Din A5 großes Schild, das ich immer an die Haustür hänge, wenn ich ins Büro gehe. Auf diesem Schild steht in großem Druck in einfachem Deutsch wo ich bin und wie man dort hin kommt, außerdem ist mein Name, meine Telephonnummer und ein dicker roter Pfeil in Richtung der anderen Tür darauf zu sehen. Es sind weniger als drei Meter.

Unsere Briefträgerinnen – und mittlerweile auch ihre Urlaubsvertretungen – kennen meine Bürotür, sie sehen schon von weitem, ob sie angelehnt ist (und ich somit sicher dort bin) oder ob ein Schild an der Haustür hängt und klopfen entsprechend direkt bei mir an ohne erst zur Hasutür zu gehen.

Fremde Paketfahrer machen in der Regel erst den Weg die 4 Stufen zu Haustür hinauf. Dort sollten Sie dann das Schild, das mit einem bunten Band über dem Türgriff hängt, sehen. Man kann es nicht übersehen, wenn man den Klingelknopf sucht. Es fällt auf.

In letzter Zeit kommt es aber immer wieder vor, daß ich Pakete neben der Haustür abgelegt finde, obwohl ich in meinem Büro war. Ich hielt dies für ein Indiz für den immer mehr zunehmenden Zeitdruck der Paketfahrer, in deren Arbeitszeitberechnung der Weg zu einer zweiten Tür einfach nicht mehr vorgesehen ist, und die daher das Risiko eines ohne Unterschrift abgelegten Paketes in Kauf nehmen um im Zeitplan zu bleiben. Sie hoffen wohl, daß es nicht gestohlen werden wird und daß sie keinen Ärger bekommen.

Vor ein paar Wochen traf ich einen Hermes Paketfahrer an, als er ein Paket für mich bei der Nachbarin abgeben wollte, da bei mir niemand auf das Klingeln reagierte. Ich fragte ihn, ob er das Schild an der Haustür nicht gelesen hätte, daß ich in meinem Büro sei. „Schild? Was ist Schild?“  „Der Zettel an Tür.“ „Zettel?“ Ich bedeutete ihm mir zur Haustür zu folgen und zeigte auf das Schild. „Sorry, nix verstehen.“ „Da steht wo ich bin und da ist ein Pfeil auf dem Schild.“ „Sorry, nix verstehen, nix gut Deutsch.“
Der gute Mann konnte offenbar wirklich weder genug Deutsch verstehen oder gar lesen um mich oder meinen Zettel zu verstehen. Er war nett und freundlich, aber für den Job wohl eher ungeeignet. Ich unterhielt mich weiter auf Englisch mit ihm und erklärte ihm die Sache. Er entschuldigte sich nochmals mit mangelnden Sprachkenntnissen der deutschen Sprache und sagte zu, demnächst auf den Zettel mit dem Pfeil zu achten. – Ich erklärte ihm damals nicht, daß es noch zwei weitere Schilder mit anderem Text gibt…

Heute hörte ich draußen einen Lieferwagen anhalten, kurz darauf erst eine Fahrertür und dann eine schwerere Tür, vermutlich die Hecktür des Lieferwagens und schließlich noch das Piepen eines Unterschriftspads eines Paketfahrers. Ich stand von meinem Flextight Scanner auf, ging zur Bürotür und sah einen GLS Paketfahrer die Stufen von der Haustür herunter kommen. „Paket fur Peter Tur.“ sagte er mir mit freundlichem Lächeln, als er mich hinter sich bemerkte. „Peter?“ schob er noch nach. Ich nickte, sagte meinen vollständigen Namen (ich konnte mich nicht erinnern mit ihm Sandkasten gespielt oder Brüderschaft getrunken zu haben),  fragte ihn, ob er nicht das Schild an der Haustür gesehen hätte, daß ich hier sei. „Schild?“ Der Zettel am Türgriff, auf dem steht, wo ich bin. „Zettel? Was Zettel?“ Ich dachte nur, den Film kenne ich schon. Ich zeigte ihm den Zettel. „Ich nix …“ und ein verzweifelndes Kopfschütteln war alles, was noch von ihm kam, als ich ihm das Schild zeigte. Er hob das Paket auf, gab es mir mit freundlichem Lächeln und ging zu seinem Lieferwagen.

Das Paket kam aus England, der Absender hatte es in gutem Glauben und für gutes Geld bei Royal Mail als „International Tracked and Signed“ aufgegeben.
Weder habe ich noch ein berechtigter Empfänger dafür unterschrieben, noch wäre sein Weg zu mir wirklich verfolgbar gewesen. Im Internet sah ich mir später die Sendungsverfolgung zu dem Paket an. Angeblich wurde es dem Empfänger, also mir, übergeben. Das hatte der Fahrer aber schon in seinen Scanner getippt, als er es an der Haustür abgelegt und sich auf den Weg zu seinem Wagen gemacht hatte…

Später erzählte ich die Geschichte meiner Frau. Sie ging gar nicht erst auf die Deutschkenntnisse der Fahrer ein, sondern zeigte nur auf mein Schild und sagte: „Da steht Dein Name und da ist ein großer roter Pfeil, wo ist das Problem?“

Ich verstehe nicht, wie man Paketfahrer in einem Land werden kann, dessen Sprache man nicht spricht und nicht lesen kann…
Über die Phantasie und das Mitdenken bei der Arbeit will ich gar nicht erst nachdenken.

Allerdings kann ich dafür den Fahrern keine Vorwürfe machen. Sie wollen arbeiten und etwas für ihren Lebensunterhalt tun. Das rechne ich ihnen hoch an. Es gibt viele andere (mit und ohne deutsche Sprachkenntnsisse), die sich lieber auf Sozialleistungen verlassen und nichts tun.

Daß ein Unternehmen jedoch Menschen mit derart unzureichenden Fähigkeiten in solchen doch verantwortungsvollen Positionen einsetzt, finde ich sehr traurig. Diese Fahrer tragen Verantwortung für Paktete die standardmäßig bis 500 Euro, aber auch bis zu mehreren tausend Euro versichert sind, Pakete, die die Absender im guten Glauben auf verantwortungsvollen Transport abgegeben haben, Pakte für deren verantwortungsvollen Transport die Absender gutes Geld bezahlt haben, Pakete auf die die Empfänger warten. Als Kunde fühle ich mich betrogen.

Ich glaube, ich hätte gerne wieder den verbeamteten Postboten aus meiner Kindheit…